value und warren buffett

Der deutsche Investor, Value und Warren Buffett

Liebe Leser,

immer wieder wird mir der Unterschied zwischen der US-amerikanischen und der hiesigen Anleger-Kultur bei meiner Recherche deutlich. Vor allem in der letzten Zeit, in der so viele deutschsprachige Blogs, insbesondere aus dem Value-Bereich, wie Pilze aus dem Boden schießen. Ich persönlich habe mir von Anfang an angewöhnt zum Großteil den Profis aus den USA oder GB zu folgen und Informationen auf Englisch zu konsumieren. Seien es Bücher, News, Blogs oder Podcasts. Der Kontrast, der mir auffällt, sollte nicht negativ aufgenommen werden. Er ist einfach da und ich wollte mit Ihnen teilen, wie sich dieser aus meiner subjektiven Sichtweise, darstellt.

Dass sich Blogbetreiber hierzulande überwiegend auf das Value-Investing konzentrieren, ist für mich das beste Beispiel dafür, wie der deutsche Anleger tickt. Er will vor allem langfristige Rendite mit Hilfe einer Strategie, die ihm so viel wie möglich Sicherheit bietet. Denn, was wenn nicht “Value”, hört sich nach Sicherheit an? Dass sich nun mittlerweile eine rege Nachfrage nach Börseninformationen etabliert hat, sei es im Value-Bereich oder anderen, ist schon mal eine Entwicklung, die sehr zu begrüßen ist. Mal sehen ob es dabei bleibt, wenn der seit 2009 bestehende Aufwärtstrend bei Aktien eine langfristige Korrektur hinlegt.

Warren Buffett als Allzweckwaffe?

Beim Value-Investing wird des Öfteren Warren Buffett erwähnt. Auch das ist mittlerweile ein durchaus etablierter Name, wenn es um das Sicherheitsdenken der Deutschen geht. Die Investment-Legende Warren Buffett hat das Value-Investing mitbegründet. Allerdings, wenn ich mir so seine Investments anschaue, dann kann man, aus meiner Sicht, ganz und gar nicht behaupten, dass Buffett stets nach ein und den selben Kriterien vorgeht.

Und ja, ich kenne seine “offiziellen” Hauptparameter bei der Auswahl. Dennoch, ich für meinen Teil sehe bei Buffett sehr viel Growth in seinem Portfolio und das macht natürlich auch Sinn. Wenn mir einer aus der betriebswirtschaftlichen Sichtweise eindeutig erklären kann, was der Unterschied zwischen Value und Growth ist, der bekommt von mir einen Kasten Bier ausgegeben.

Ich kann mir nämlich kaum vorstellen, dass ein CEO je behaupten würde, sein Unternehmen sehe kein Wachstum vor. Und da Value-Investoren Verfechter von fundamentalen Kennzahlen sind, frage ich mich immer wieder ob es nicht ein Widerspruch in sich ist, wenn man gerade als Value-Investor einen Unterschied zwischen Value und Growth macht. Nur so ein Gedanke am Rande zu den pauschalen Börsenbegriffen.

Aber wie dem auch sei. Fakt ist wahrscheinlich, dass der deutsche Anleger mit diesen Begriffen besser erreicht werden kann, denn er braucht diese Sicherheit. Das muss nicht negativ sein, denn Geldanlegen hat auch etwas mit einer speziell auf den Typ ausgerichteten Strategie zu tun, und wenn sich der Anleger mit dieser Strategie wohl fühlt, dann ist das auch o.k. so. Komme ich zum US-Investor.

Risikofreudiger heisst nicht gleich mehr Risiko

Mein Eindruck aus den vielen Büchern, Podcasts und Blogs von professionellen Händlern und Investoren ist, dass der US-Anleger natürlich auf der einen Seite risikofreudiger “erscheint”. Was aber auf der anderen Seite nicht heissen muss, dass seine Strategien unüberlegter oder gar schlechter sind. Das nimmt nämlich der angeblich “solidere”, deutsche Investor in der Regel fälschlicherweise an.

Doch heisst “Risikofreudigkeit” eines US-Investors auch tatsächlich mehr Risiko? Keineswegs. Risikomanagement-Methoden sind vielfältig und enden nicht mit einem Stop-Loss oder der Diversifikation. Viele der interviewten, erfolgreichen Manager sind grundsätzlich risikoscheu, sie haben nur einen anderen Weg als den klassischen gefunden, um mit dem Risiko umzugehen.

Ich habe auch oft das Gefühl, dass der US-Investor aufgrund seiner Leidenschaft zum Kapitalmarkt offener gegenüber anderen Denkweisen und Strategien ist. Er ist auch mal bereit gegen den Strom zu schwimmen, sofern sein Risk-Management das erlaubt. Während man uns hierzulande erklären möchte, der Erfolg ist nur denjenigen vergönnt, die entweder reines Trendfollowing betreiben oder eben Buy & Hold.

Seit dem ich mich mit dem Börsenhandel beschäftige (bald sind es über zehn Jahre), gehören zu meiner Lieblingslektüre (mittlerweile in Form von Podcasts), Interviews mit professionellen Asset- und Hedge-Fund Managern, da diese einen Einblick in die Analyse-Praxis gewähren. Vor allem diese Interviews bilden für mich oft die Bestätigung dessen, dass ich mich mit meinem Handels- und Analyseansatz ganz und gar nicht auf dem falschen Weg befinde, auch wenn ich kein Value-Investing betreibe.

Der US-Investor handelt eine Story und das oft mit Erfolg

Ebenfalls fällt mir aus vielen gelesenen und gehörten Strategien auf, dass der US-Investor den Markt für narrativ hält, was ich unter anderem auch tue. Er scheut sich also in der Regel nicht davor, eine Story zu handeln oder in eine Story zu investieren. Erklären Sie mal einem deutschen Investor, sie kaufen eine Aktie, weil Ihnen die Story gefällt. Selbst, wenn diese durch fundamentale Kennzahlen unterlegt ist und das Risk-Management im Einklang mit der Strategie steht, so wird der Großteil das doch eher als Wetten ohne Sinn abtun. So als ob Value-Investing der heilige Gral im Investieren wäre und absolut risikolos ist.

Den Markt so zu betrachten, als würde er einem eine fortwährende “Story” aus Ereignissen der Ökonomie, Politik und der Geopolitik erzählen, birgt allerdings einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Der Investor ist damit oft in der Lage eine Einschätzung zu treffen, die nicht einfach nur aus der Historie herausgegriffen ist, sondern er kann die Zusammenhänge, die AKTUELL vorherrschen besser für sich einordnen. Also den derzeitigen Marktzustand einschätzen.

Das liegt daran, dass der Markt und damit seine Einflussfaktoren sich im stetigen Wandel befinden. Jemand, der dem Markt ebenso stetig dabei zuhört, kann diese Veränderungen viel früher wahrnehmen und darauf reagieren, als jemand der strikt davon überzeugt ist, es käme nur auf einige Kennzahlen und die richtigen Diversifikation an.

So gesehen sind wir doch alle auf der Suche nach DER Story, wollen es uns aber nicht eingestehen. Denn es hört sich ja viel sicherer an, wenn ich sage, ich investiere, weil das Unternehmen fundamental gut da steht und ich glaube, dass es in Zukunft ebenso sein wird. Das Problem dabei ist nur, dass dieses Sicherheitsdenken unsere Offenheit gegenüber chancenreichen Investments limitiert.

Gesunder Menschenverstand erfordert auch Offenheit

Als Warren Buffett sagte: “Du musst nicht den IQ eines Genies besitzen, um ein großartiger Investor zu sein. Alles was du dafür brauchst ist einfache Mathematik, das Wissen auf welche Zahlen du schauen musst und etwas gesunden Menschenverstand”. Dann meinte er mit Menschenverstand möglicherweise auch die Gabe, chancenreiche Trends zu erkennen.

Viele der Value-Investoren stützen sich oft auf Leitsätze von Warren Buffett. Gleichzeitig behaupten sie allerdings auch oft, sie würden beispielsweise nie in Bankenwerte investieren. Schauen Sie sich das Portfolio von Warren Buffet noch einmal genauer an und dann sagen sie mir, ob Bankenwerte gemäß der Strategie von Warren Buffett ein No-Go sind?

Gesunder Menschenverstand aus Sicht eines US-Investors bedeutet, dass man seine Augen vor Chancen nicht verschließen sollte. Wenn ich aber bestimmte Sektoren und Branchen von vornherein ausschließe, dann schwimme ich letztendlich weiterhin mit der nach Rendite gemessen, durchschnittlichen Masse und ganz bestimmt nicht mit Warren Buffett.

Alles in einem möchte ich aber am klassischen Value-Investing, zumindest in der Form, in der es uns hier in Deutschland immer wieder näher gebracht wird, doch einiges Positives nicht bestreiten. Und das ist tatsächlich der Umstand, dass es langfristig betrachtet, womöglich leichter umzusetzen ist, als andere Strategien. Und damit auch empfehlenswerter ist für Laien-Investoren. Wobei auch das nicht immer der Fall ist. Denn, finden Sie mal auf Anhieb eine unterbewertete Aktie.

Viel Erfolg!

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